Im Alter von 24 Jahren wird Jack (Andrew Garfield) aus dem Gefängnis entlassen, in dem er die letzten 14 Jahre verbracht hat. Eines schweren Verbrechens schuldig und gleichzeitig völlig unbedarft betritt der in den Medien nur als „Boy A“ bekannte junge Mann eine Welt, die er zuletzt als Kind erlebt hat. Unter dem Schutz seines väterlichen Bewährungshelfers Terry (Peter Mullan) nimmt er eine neue Identität an, findet einen Job, Freunde und verliebt sich in Michelle (Katie Lyons). Durch die Akzeptanz ermutigt, will er sein belastendes Geheimnis offenlegen – aber er hat nicht mit der Sensationsgier der Presse gerechnet, die noch immer auf der Suche nach „Boy A“ ist: Unweigerlich und heftig wird Jack von seiner Vergangenheit eingeholt. Nun hat er mehr zu verlieren als jemals zuvor...
Das eindringliche Drama BOY A, die Verfilmung des gleichnamigen preisgekrönten Romans von Jonathan Trigell, widmet sich den erschreckend aktuellen Themen Jugendgewalt und Resozialisierung. Unter der Regie von John Crowley („Intermission“) spielen der beeindruckende Newcomer Andrew Garfield („Von Löwen und Lämmern“), der mehrfach ausgezeichnete Regisseur und Schauspieler Peter Mullan („Children of Men“, „Die unbarmherzigen Schwestern“) und Katie Lyons, mit der Andrew Garfield demnächst in Terry Gilliams neuem Film „The Imaginarium of Dr. Parnassus“ zu sehen sein wird.
Im vergangenen Jahr war BOY A der große Gewinner der britischen BAFTA TV Awards, bei denen er sieben Mal nominiert und in vier Kategorien ausgezeichnet wurde – unter anderem John Crowley für die Beste Regie und Andrew Garfield als Bester Darsteller. Im Panorama der Berlinale 2008 erhielt BOY A den Preis der ökumenischen Jury.
Mit BOY A verfilmte John Crowley den gleichnamigen Roman von Jonathan Trigell. Dabei führte ein glücklicher Zufall zwei Kreative zusammen, die bereits an einem gemeinsamen Stoff arbeiteten: Drehbuchautor Mark O'Rowe und Regisseur John Crowley. „Channel 4 rief mich an und erwähnte einige Projekte, die ich mir genauer ansehen sollte. Eines davon war Marks Skript“, erzählt Crowley. „Sie wussten, dass ich Mark seit Jahren kenne und dass wir gemeinsam ein anderes Drehbuch entwickelten.“
BOY A ist Crowleys zweite Zusammenarbeit mit O'Rowe. Zuvor realisierten sie 2003 den hoch gelobten Film INTERMISSION, für den Crowley als Bester Nachwuchsregisseur mit dem British Independent Film Award ausgezeichnet wurde. Der Anruf von Channel 4 war jedoch nicht Crowleys erster Kontakt mit BOY A. „Ich wusste, dass Mark an dem Projekt arbeitete, denn er erwähnte es hin und wieder“, erinnert sich der Regisseur. „Beim Lesen hat es mich völlig umgehauen. Ich setzte mich sofort mit Channel 4 in Verbindung und bettelte regelrecht darum, es so schnell wie möglich umzusetzen.“ Nicht nur Crowley drängte auf schnellen Produktionsbeginn: „Mark war von meiner Zusage begeistert und hätte am liebsten sofort mit dem Dreh begonnen. Alles lief ziemlich rasant, fast atemlos.“ Auch Autor Mark O‟Rowe erinnert sich an die denkwürdige Vorgeschichte von BOY A: „Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, haben mich die ersten beiden Kapitel ziemlich beunruhigt. Man weiß, dass Jack ein schreckliches Verbrechen begangen hat, aber man ahnt das Ausmaß nicht. Das erzeugt eine ungeheure Spannung. Unser Ziel im Film war, dass die Zuschauer Jacks Charakter extrem nahe kommen, bevor wir den Grund seiner langen Haft verraten.“
Bereits sehr früh ahnte Crowley, dass die größte Herausforderung bei BOY A in der Suche eines Hauptdarstellers lag, der der Komplexität der Rolle gerecht werden konnte. „Bei diesem Projekt hatte das Casting Schlüsselfunktion, denn wir wollten einen Schauspieler, zu dem wir unmittelbar Bezug finden konnten“, erinnert sich Crowley. „Wir trafen viele hervorragende Darsteller. Doch als wir Andrew Garfields Video sahen – er war zu diesem Zeitpunkt in Los Angeles und drehte VON LÖWEN UND LÄMMERN – war die Suche beendet.“
In seiner Rolle als Jack entwickelte Andrew Garfield eine naive, sympathische Figur – einen jungen Mann zwischen vorschnell beendeter Kindheit und verpasstem Erwachsenwerden. „Man erlebt ihn als normalen jungen Mann, der sich einer Welt anzupassen versucht, die er nicht richtig versteht – eigentlich wie jeder Jugendliche“, erklärt Garfield. „Wir folgen also einer universell gültigen Entwicklung – bis wir die verstörende Vorgeschichte erfahren.“ Über den gesamten Film ist das Publikum Teil der Geschichte, da viele Aspekte sehr realistisch umgesetzt werden. „Am Anfang erscheint Jack einfach als gutmütiger junger Erwachsener. Dieses Stadium der Geschichte ist wichtig für den Aufbau des Charakters, da sich der Zuschauer emotional auf seine Seite schlagen kann. Wir begleiten ihn solidarisch auf seiner Reise durch die Gesellschaft – bis zu dem Punkt, an dem wir die schreckliche Vorgeschichte erfahren“, beschreibt O‟Rowe.
Regisseur John Crowley ergänzt: „Jack wirkt wie ein kleiner Junge im Körper eines Mannes. Mit Mitte 20 aus dem Gefängnis kommend, hat er seine Jugend nie wirklich gelebt. Sein unbeholfener Umgang mit Michelle ist regelrecht rührend – man möchte ihm beinahe helfen und die passenden Worte einflüstern. Auch Jacks erster Arbeitstag verläuft sehr berührend. Die ständige Angst, entdeckt zu werden, sein verzweifeltes Bedürfnis nach Anerkennung und seine Gier nach ‚richtigem„ Leben machen die Geschichte intensiv. Jeden Tag zur Arbeit gehen, sich mit einem Mädchen verabreden – ganz normale Dinge, aber große Leistungen für Jack. Der Zuschauer drückt ihm dabei zunächst alle Daumen.“
Katie Lyons spielt Michelle, in die sich „Boy A“ verliebt. In ihrem Zugang zur Figur des Jack stimmt sie mit O‟Rowe und Crowley überein: „Schon beim Drehbuchlesen empfand ich die Sympathie für Jack als zentrales Element der Geschichte. Marks bedachte Entscheidung, die Wahrheit über Jacks Vergangenheit nur allmählich durchsickern zu lassen, übt nicht nur auf das Publikum, sondern auch auf die Nebencharakter einen Sog aus.“
„Jack ist unlösbar an sein Schicksal gebunden: Das wird im Verlauf der Geschichte deutlich, aber auch in den Rückblenden“, so Crowley. Andrew Garfields Verkörperung des Jack nennt er eine „unglaubliche Performance“. Garfield wiederum ist voll des Lobes für Crowley: Die komplette Atmosphäre des Films sei sein Verdienst, ebenso das subtile Zusammenspiel des Ensembles. „Tagtäglich brachte er Einfühlungsvermögen und echte Untersützung ans Set. Er wusste um die Sensibilität dieses Stoffes, und vor allem versteht er, wie Schauspieler funktionieren. Das ist nicht selbstverständlich! Wir sprachen häufig über meinen Zugang zu dieser Rolle. Dadurch fühlte ich mich gut aufgehoben“, so der Hauptdarsteller. Dies war umso wichtiger, als dass er mit seiner Rolle unter dem Druck stand, der Dreh- und Angelpunkt des Films zu sein. „Aber zum Glück fühlte ich mich durch den Zuspruch im Team nie komplett überfordert. Immer wieder gab es jedoch Momente, in denen ich dachte: „Wenn ich nicht an mich glaube, wer sollte es dann tun?“
Ähnlich vielschichtig war die Darstellung von Jacks Freundin. In vielerlei Hinsicht ist sie die Figur, mit der sich die meisten Menschen identifizieren können. Sie nimmt die engste Beziehung zu ihm auf, aber in Wirklichkeit kennt sie ihn überhaupt nicht. Sie liebt Jack aufrichtig, aber ahnt nichts von ihrer Schlüsselrolle: Von ihr hängt sein neues Leben ab.
„Während der Dreharbeiten musste ich das tragische Ende vergessen. Nur dadurch konnte ich ein ehrliches Bild von Michelles Gefühlen entwerfen und keine fatalen Nebentöne einbringen. Glücklicherweise konnten wir die meisten meiner Szenen in chronologischer Reihenfolge drehen. Das half gewaltig“, so Lyons über ihre Arbeit.
Für John Crowley wäre es ideal gewesen, den gesamten Film chronologisch zu drehen. „Unser kleines Team arbeitete sehr kompakt und schnell. Aber letzlich hängt der Drehplan immer von der Verfügbarkeit der Schauspieler ab. Andrews Szenen konnten wir nicht in Reihenfolge drehen. Aber Katie hatte Glück. Ihr schwieriger Part ähnelt nämlich dem des Publikums: Beide lernen Jack und seine Abgründe allmählich kennen. Dabei wird der Prozess immer schmerzhafter.“ Dessen war sich auch Garfield immer bewusst: „Bei der Figur des Jack funktioniert keine Schwarz-Weiß-Einordnung, auch ist er weder gut noch böse. So etwas gibt es nur in Märchen.“