Der Thriller „Good Boy: Wir wollen nur dein Bestes“ startet am 4. Juni im Kino. Hier ist unsere Kritik zum entwas anderen Familienfilm.
Eigentlich sollte der Film auch in Großbritannien GOOD BOY heißen, man entschied sich dann aber für eine Umbenennung, weil der Indy-Horrorfilm aus den USA den gleichen Namen hat. In Deutschland versucht man eine Differenzierung durch den Untertitel. Nötig ist sie auch, ist dies doch das dritte Jahr in Folge, in dem ein Film mit dem Titel GOOD BOY in die Kinos kommt.

Good Boy: Zur Handlung – Familie wider Willen
Der Taugenichts, Junkie und Schläger Tommy wird nach einer durchzechten Nacht überwältigt. Als er aufwacht, befindet er sich in einem Keller, angekettet an die Decke. Chris erklärt ihm, dass seine Frau und er nur das Beste für ihn wollen. Tommy reagiert aggressiv, ungehalten, unflätig, aber Chris reagiert mit erzieherischer Härte. Die Zeit vergeht, wobei die Frage bleibt: Gewöhnt sich Tommy an sein neues Leben, an seine neue Familie, oder plant er noch immer die Flucht? Auf jeden Fall erhält er weit mehr Freiheiten …
Good Boy: Eine Kritik – Zwischen ‚Uhrwerk Orange‘ und Jane Austen
Die britisch-polnische Ko-Produktion ist ein herausragender Thriller, ein Film, der an das britische Exploitation-Kino der Siebzigerjahre erinnert, und hier vor allem an das Werk von Pete Walker. Das waren Filme, die dem Horror-Genre zugerechnet werden, die aber mehr einer Mixtur aus Drama und Thriller gleichkamen. Ebenso präsentiert sich GOOD BOY, der noch dazu offenbar stark vom Roman zu UHRWERK ORANGE inspiriert ist. Denn es geht um Erziehung – Umerziehung, wenn man so will – und um die Transformation, die mit dieser einhergeht.
Über die gesamte Laufzeit kann GOOD BOY das Interesse des Publikums halten, was auch am brillanten Spiel von Stephen Graham als Chris und Anson Boon als Tommy liegt. Graham ist der typische Jedermann, ein eigentlich netter Kerl, der aber durchaus brutal sein kann, im Grunde ein freundlicher Kerkermeister. Boon hingegen spielt Tommy in einer gelungenen Mixtur aus Ignoranz, aber auch Dummheit, und nicht zuletzt Erkenntnis. Es gibt eine Szene, da spürt Tommy seine eigene Menschlichkeit. Etwas, das er wohl schon lange nicht mehr gefühlt hatte, und dieses Gefühl wird durch einen Film ausgelöst, nämlich Ken Loachs KES aus dem Jahr 1969.
Faszinierend ist auch, wie Tommy im Zuge seiner „Rehabilitation“ angehalten wird, zu lesen. Die Bücher, die ihm Chris und dessen Frau geben, sind Ray Bradburys „Der illustrierte Mann“, Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ und Harper Lees „Wer die Nachtigal stört“. Bücher, die als Werkzeug dienen, um Tommy mit Moral, Empathie aber auch sozialen Normane zu konfrontieren. Dingen, denen er sich widersetzt, aber umso spannender ist es im Verlauf von knapp zwei Stunden der Wandlung dieser Figur zuzusehen. Dabei gibt es eine Wechselwirkung aus psychologischer Kontrolle, getragen von der Androhung von Strafe und Gewalt, und einer ethischen Transformation, die aus Zwang entsteht. Das Spannende daran ist die moralische Frage: Handeln Chris und seine Frau richtig, heiligt der Zweck am Ende die Mittel?
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