Das Drama „Sinn und Sinnlichkeit“ startet am 15. Oktober im Kino. Hier ist unsere Kritik zur Jane-Austen-Verfilmung.
Wieder einmal heißt es im Kino SINN UND SINNLICHKEIT. Jane Austens erster Roman gehört zu jenen literarischen Klassikern, die in erstaunlicher Regelmäßigkeit neu verfilmt werden – mal fürs Kino, mal fürs Fernsehen. Kaum vergeht ein Jahrzehnt, ohne dass sich eine neue Generation an dem Stoff versucht. Deshalb dürften die meisten Zuschauer zumindest eine der früheren Adaptionen kennen, wenn nicht sogar mehrere. Umso mehr stellt sich die Frage, weshalb es ausgerechnet dieser Geschichte immer wieder gelingt, auf die Leinwand zurückzukehren. Grundsätzlich kann man diese Frage bei jeder Neuverfilmung eines Klassikers stellen. Während Regisseure wie Guillermo del Toro bei FRANKENSTEIN versuchen, den Stoff mit einer modernen Perspektive und zeitgemäßen Themen neu zu interpretieren, bleibt Georga Oakley Jane Austens Vorlage nahezu bedingungslos verpflichtet. Sie erzählt den Roman ausgesprochen werkgetreu und verzichtet fast vollständig auf eine eigene Sichtweise.

Sinn und Sinnlichkeit: Zur Handlung – Die Suche nach dem Glück im Regen
Nach dem Tod ihres Vaters verlieren die Dashwood-Schwestern gemeinsam mit ihrer Mutter ihr Zuhause, weil die damaligen Erbgesetze den Besitz einem männlichen Erben zusprechen. Die Familie zieht in das bescheidene Cottage eines Bekannten und muss sich mit deutlich einfacheren Lebensverhältnissen arrangieren. Während die temperamentvolle Marianne dem älteren Colonel Brandon begegnet, der ernsthaft um sie wirbt, fühlt sie sich stattdessen zu dem charmanten Willoughby hingezogen. Ihre Schwester Elinor verliebt sich derweil in Edward Ferrars, dessen ehrgeizige Mutter jedoch längst andere Heiratspläne für ihren Sohn schmiedet. Als Willoughby nach London aufbricht und auch Edward sich dort aufhält, reisen schließlich beide Schwestern in die Hauptstadt – in der Hoffnung, dort nicht nur ihre Liebsten, sondern auch ihr persönliches Glück zu finden.
Sinn und Sinnlichkeit: Eine Kritik – Schöne Fassade mit verstaubtem Weltbild
Natürlich entwickelt sich alles anders, als sie es sich erträumt haben. Missverständnisse, Enttäuschungen und gesellschaftliche Zwänge bestimmen den weiteren Verlauf der Geschichte, ehe Austen ihre Figuren schließlich doch noch einem versöhnlichen Ende entgegenführt. Zwei Hochzeiten später scheint alles gut zu sein. Dennoch bleibt das Gefühl, dass Austens Weltbild heute nur noch bedingt funktioniert.
Denn die romantische Fassade offenbart ein Frauenbild, das aus heutiger Sicht zunehmend aus der Zeit gefallen wirkt. Die Figuren definieren ihre Zukunft fast ausschließlich über eine standesgemäße Ehe, bei der Attraktivität, gesellschaftliches Ansehen und finanzielle Sicherheit eng miteinander verknüpft sind. Als Marianne nach einer gefährlichen Situation nach Hause gebracht wird, interessiert ihre Mutter zunächst, ob der unbekannte Retter denn wenigstens gut aussehe – selbstverständlich verbunden mit allen weiteren Tugenden, die einen perfekten Gentleman ausmachen. Immer wieder entwirft Austen Idealmänner, während Figuren, die weniger glamourös erscheinen, zunächst kaum Beachtung finden. Gerade Colonel Brandon ist dafür das beste Beispiel. Er wirkt anfangs wie ein steifer Langweiler, entpuppt sich letztlich aber als der charakterlich gefestigtste Mann der gesamten Geschichte.
Vielleicht ließe sich die überbordende Gefühlswelt der Figuren noch mit ihrer Jugend erklären. Allerdings wirken Daisy Edgar-Jones und Esmé Creed-Miles für ihre Rollen fast schon etwas zu reif. Dadurch fällt es schwer, ihre spontane, alles verzehrende Verliebtheit uneingeschränkt nachzuvollziehen. Zwar bemüht sich der Film, mit eleganten Herren, gepflegten Umgangsformen und nostalgischer Romantik zu bezaubern, doch hinter der schönen Fassade wirkt vieles erstaunlich konstruiert. Man hat beinahe den Eindruck, als würde der heutige Tradwife-Trend rückwirkend auf das England des frühen 19. Jahrhunderts projiziert.
Dennoch dürfte SINN UND SINNLICHKEIT sein Publikum finden. Fans klassischer Literaturverfilmungen werden sich kaum daran stören, dass hier ein sehr traditionelles Geschlechterbild gepflegt wird. Schließlich wird auch die toxische Beziehung in WUTHERING HEIGHTS bis heute häufig als große romantische Liebe verklärt. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass auch Jane Austens Vorstellung von Romantik weiterhin weitgehend unkritisch gefeiert wird – selbst dann, wenn sie für ihre Heldinnen letztlich vor allem Selbstaufgabe und Anpassung bedeutet.
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